Zum Hauptnavigation springen Zum Hauptinhalt springen Zum Seitenende springen
Kontrast ändern

Erfahrungsberichte

Hier haben wir für Sie Geschichten von Pflegeeltern, ehemaligen Pflegekindern und ehrenamtlichen Paten gesammelt, die Ihnen einen persönlichen Einblick in die Gedanken- und Erfahrungswelt der Berichtenden ermöglichen.

Patenschaften

Kinder im Wäschekorb

Viel zu früh erblicken zwei winzige Leben das Licht dieser Welt. Eine Welt, in die sie mutterseelenallein blicken. Eine Welt, in der ihr Weg noch völlig unsicher ist. Während die Fachkräfte des Jugendamtes eine gute Perspektive für die Zwillinge vorbereiten und die Mediziner alles tun, um die 1.500 Gramm schweren Leben zu stabilisieren, vergeht Zeit. Wertvolle Zeit am Beginn des Lebens.

An einem 20. Dezember klingelt das Telefon im Lebenshaus. Eine Anfrage von der Kinderintensivmedizin des Heinrich-Braun-Klinikums. Unsere Kuschelpaten werden gebraucht. Zwei machen sich auf den Weg - jede für ein Kind. Sie halten die zarten Händchen, streicheln die winzigen Köpfe und flüstern leise Worte. Sie sind da. Ganz da, für jeden Atemzug. Sie geben Wärme, Liebe und Geborgenheit. Nahezu jeden Tag kommen sie wieder. Auch über Weihnachten. So begleiten sie die ersten vier Lebenswochen der Zwillingsjungs. Eine Übergangszeit bis zur Adoptivpflege.
Blaue handgestickte Kissenwolken und Erinnerungsbriefe sollen den Kindern später vermitteln: „Du warst nicht allein. Ich war da.”

Es ist ein Gänsehautmoment, als nach einer ganzen Weile eine der Patinnen erfährt, dass die beiden Jungs von einem bekannten Paar adoptiert wurden. So schön, mitzuerleben, wie sich die Zwillinge entwickeln und in der Geborgenheit einer Familie aufblühen! Dank der Patinnen füllt sich eine wichtige Lücke in einer Biografie mit einem schweren Start. Die Kinder finden Antworten auf Fragen, die viele Adoptiv- und Pflegekinder bewegen: Wie bin ich auf die Welt gekommen? Wer war für mich da? Wer hat mich gehalten? Und sie wissen, dass sie nie allein waren. Sie waren gehalten, geliebt und geborgen – vom ersten Moment ihres Lebens an.

Pflegefamilien

Der Pflegevater Dirk Brändel veranstaltete im Oktober 2025 eine Tretrollertour für Pflegekinder vom Fichtelberg nach Kap Arkona für das Lebenshaus. In seinem Blog schreibt er: „Beim 25-jährigen Jubiläumsfest war für mich ein besonderer Moment dabei. An der Bastelstraße entdeckte ich ein kleines Mädchen, vielleicht 4 oder 5 Jahre alt, augenscheinlich mit Migrationshintergrund. Sie malte in totaler Versunkenheit eine Gipsfigur an. Mit einer eindrucksvollen Detailgenauigkeit. Mit Präzision und Hingabe. Ich stand da und war fasziniert, wie die kleine Künstlerin in ihrem Tun aufging. Und was für ein erstaunliches Ergebnis am Ende da war! In diesem Moment wurde mir bewusst, wie viele Kinder unglaubliches Potenzial in sich tragen - und wie oft es niemals dazu kommt, dass sie dieses entdecken können. Wie viele Fähigkeiten, wie viele wunderbare Ergebnisse bleiben verborgen, nur weil Kindern die Chance fehlt, ihre Talente zu entfalten. Wie viel reicher könnte unsere Welt sein, wenn wir helfen würden, die unerkannten Schätze der Kinder aus ihren Verstecken heraus zu locken und ans Tageslicht, in unsere Gesellschaft zu bringen. Wie viele glücklichere Kinder würden zu glücklicheren Erwachsenen heranreifen und unsere Zukunft bereichern. Genau das hat mich bewegt, mich für das Lebenshaus einzusetzen.

Wir haben selbst eine Pflegetochter und erleben jeden Tag, wie wichtig Halt, Vertrauen und Förderung für Pflegekinder sind. Das Lebenshaus schenkt genau das: Kinder, die einen schweren Start ins Leben hatten, finden dort Zuwendung, Stabilität und die Chance, ihr eigenes Potenzial zu entfalten. Jede Spende – groß oder klein – hilft, dass diese Kinder die Unterstützung bekommen, die sie dringend brauchen.”

Kurzzeit- und Bereitschaftspflege

Wir sind eine Familie mit drei tollen, leiblichen Kindern und haben ein großes Herz für Kinder. 2017 nahmen wir unser erstes Pflegekind auf. Ich werde nie vergessen, als wir es nach neun Monaten, Anfang Dezember 2017 zurück in die Herkunftsfamilie gaben. Uns allen fiel der Abschied schwer. Es tauchten Fragen auf. Können wir das weitermachen? Ist das okay für unsere Kinder? Sie waren damals erst 3, 5 und 6. Wir sprachen das Thema Pflegekind erstmal nicht an. Auf die Frage nach dem Weihnachtswunsch meinten dann alle drei: „Wir wollen ein neues Pflegebaby zu Weihnachten.“ Das war für uns die Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Seitdem durften wir bis jetzt schon 11 Kindern ein Zuhause auf Zeit, Liebe und Geborgenheit schenken. Ein Mädchen haben wir so ins Herz geschlossen, dass wir sie zur Dauerpflege behielten. Der Alltag ist spannend, aufregend, anstrengend, aber definitiv lohnenswert. Das Leben mit Pflegekindern macht mir persönlich viel Freude. Man lernt den Kindern viel und man lernt auch viel von ihnen. Ich nutze gern die Angebote vom Lebenshaus, um mich fachlich weiter zu bilden und mit anderen Pflegeeltern auszutauschen.

Ich möchte den Lesern Mut machen, den nächsten Schritt zu wagen, auch wenn etwas schwer und unmöglich erscheint. Denn bei Gott ist nichts unmöglich.

Hände halten Babyfüße

Adoption

Wir haben lange überlegt, ob wir noch ein weiteres Adoptivkind aufnehmen. Wir haben eine Tochter und einen Adoptivsohn und hatten das Gefühl, dass uns noch ein Kind fehlt. Nun sind wir zu fünft und können es gar nicht fassen, wie reich wir beschenkt wurden.

Seine leibliche Mutter hatte sich für ihn entschieden, dass er lebt. Aber durch ihre Drogenabhängigkeit ist es ihr nicht möglich, ihn ins Leben zu begleiten. Da sie ihn sofort nach der Geburt zur Adoption frei gegeben hatte, durften wir diese Aufgabe übernehmen.

Mein Herzenswunsch war es, wenn wir ein Baby bekommen, es auch zu stillen. Dies klingt vielleicht etwas verrückt, aber mit Hilfe eines Brusternährungssets ist es möglich. Es dauerte nicht lang, bis ich selbst Muttermilch hatte. Auch wenn es nicht viel ist und ich immer zufüttern muss, hat sich die Zeit und die Geduld, die ich dafür aufbringen musste, gelohnt. Mit einem Jahr wird er immer noch vor dem Einschlafen gestillt. Dabei steht nicht der Hunger im Vordergrund sondern vielmehr die Geborgenheit.

Wir hoffen, dass er sich ein Leben lang in unserer Familie geborgen weiß und seinen Weg findet.

(2014)

Pflegekinder

Meine Mama war schon immer psychisch labil. Meinen Papa habe ich mit 9 Jahren an Lungenkrebs verloren. Dann war nichts mehr, wie davor. Meine Mama war viel unterwegs und vernachlässigte mich und meine Geschwister. Wir kümmerten uns die meiste Zeit um uns selbst. Zwei Jahre später zogen wir zu ihrem neuen Partner auf den Bauernhof, weit weg von „Zuhause“. Wir freuten uns dennoch. Ein ganzes Haus nur für uns und ein Gelände mit zwei Pferden und Hühnern. Es war ein regelrechter Traum. Ein Traum, der bald platzte. Herr H. stritt mit meiner Mama viel und schlug sie. Uns wertete er ab: Wir könnten nichts, seien zu nichts fähig, unnütz. Er trank sehr viel und wurde immer unberechenbarer. Wenn man eine falsche Bewegung oder Bemerkung machte, brachte man sich in Gefahr. Man musste sich Strategien überlegen. Unauffällig und effektiv sein. Man fühlte sich hilflos ausgeliefert. Im Winter schliefen wir ohne Türrahmen und ohne Wärmequelle. Es gab immer wieder Situationen, die eskalierten. Polizeieinsätze immer wieder.

Eines Tages war es soweit. H. schrie uns an: „Wenn ich hier mal so richtig ausraste, kommt keiner mehr lebend raus!“ Die Erinnerungen sind verschwommen, ich weiß nur noch, wie H. wild schreiend mit einer Wodka-Flasche durch den Garten läuft. Wer am Ende die Polizei rief, weiß ich nicht. In wenigen Minuten packten wir alles vermeintlich Wichtige in eine Tasche und zogen ins Frauenhaus, später zurück in die alte Heimat. Die Welt schien wieder in Ordnung. Doch Mama entschied sich bald, zu H. zurückzugehen. Ich hatte zu viel Angst und blieb vorerst bei meiner großen Schwester. Ich kam auf eine neue Schule und war die meiste Zeit in der Schule oder bei Freunden. Bei einer Freundin war ich ganz besonders oft und lange. A. und ich haben nahezu alles zusammen gemacht. Ihre Familie bekam immer mehr von meinem Leben mit. Und irgendwann kam der Moment ...

Ihre Familie entschied sich, mich als Pflegekind aufzunehmen. Für mich. Es war jemand da, der sich um mich kümmerte. Der meine alten und abgetragenen Klamotten ersetzte. Sich über schulische Angelegenheiten informierte. Jemand, der ehrliches Interesse an mir hat. Mir zuhört. Mich ernst nimmt.  Ich fühlte mich aufgehoben, sicher und umsorgt.  Niemand gab mir das Gefühl, nicht dazuzugehören. Auch heute noch bin ich Teil der Familie.

Auch wenn es Krisenzeiten in der Pflegefamilie gab: Am Ende des Tages ist meine Pflegefamilie mein persönlicher 6er im Lotto. Seit Oktober habe ich mein Studium der Sozialen Arbeit abgeschlossen. Ich möchte meine Selbsterfahrung nutzen, um anderen zu helfen. Ich arbeite noch heute daran, das Vergangene zu verarbeiten und mich weiterzuentwickeln. Wie jeder Mensch habe ich gute und schlechte Phasen, aber versuche immer, das Beste rauszuholen. Mittlerweile kann ich sagen, dass viele Dinge dazu beigetragen haben, dass ich mich so positiv entwickelt habe. Sowohl auf persönlicher Ebene als auch durch die Menschen, die mich begleiteten. Manches lag außerhalb meines Einflusses und manches musste ich für mich erkämpfen. Es gibt nicht die eine Sache, die alles „wieder gut“ macht. Es ist ein Zusammenspiel aus allem, was einen Menschen beeinflussen kann und wie er dazu steht und damit umgeht.

Ihre Erfahrungen teilen

Wir würden uns freuen uns, wenn Sie Ihre Erfahrung mit anderen teilen und uns Ihre persönliche Geschichte mit einem angenommenen Kind oder als ehemaliges Pflegekind per E-Mail an unsere Adresse info@lebenshaus.org senden.